Säureattentat in Neuenburg«Frauenfeindliche Motive spielen bei Säure-Attacken eine wichtige Rolle»
Die 24-jährige Ex-Miss-Kandidatin L.M. wurde mit Säure attackiert. Verhaftet wurde ein Tatverdächtiger afghanischer Herkunft. 20 Minuten sprach mit dem Islamexperten Reinhard Schulze über die Hintergründe der Tat.
Darum gehts
Am Donnerstagmorgen wurde in einer Tiefgarage in Neuenburg die 24-jährige L.M. mit Säure attackiert.
Ein 19-jähriger Tatverdächtiger wurde Stunden nach dem Angriff verhaftet. Noch ist das Motiv unklar.
Bekannte von M. äussern sich schockiert.
Laut dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze spielen frauenfeindliche Motive eine wichtige Rolle bei derartigen Verbrechen.
Am Donnerstagmorgen um 7.53 wird mitten aus dem Zentrum von Neuenburg ein Notruf abgesetzt. Grund dafür ist ein Säureattentat auf die 24-jährige L.M.*, Finalistin einer regionalen Miss-Wahl und Model. Der Täter lauerte ihr vermummt in der Tiefgarage auf und griff sie mit Säure an. Ihre Schreie alarmierten ihren Nachbarn F.B.*, der sich bis zum Eintreffen der Sanitätsdienste um sie kümmerte. «Ich tat, was jeder an meiner Stelle getan hätte», sagte der Retter am Freitag zu 20 Minuten.
Der mutmassliche Täter, ein 19-jähriger, in der Region wohnhafter Mann, konnte nach einer dreistündigen Grossfahndung festgenommen werden. Das Motiv ist noch unklar. Beim Verdächtigen handelt es sich laut Polizeisprecher Georges-André Lozouet um einen afghanischen Flüchtling.
Im Umfeld von L.M. ist man über den barbarischen Angriff schockiert – und traurig: «Es gibt keine Gründe, die eine solch feige und abscheuliche Attacke rechtfertigen würden», sagt eine Kollegin. Das Säureattentat hat auch ihren Nachbarn R.G.* erschüttert: «M. ist eine extrem sympathische Person, war immer freundlich und nett. Sie wurde von allen im Haus sehr geschätzt.» Zwar habe er vernommen, dass es ihr – den Umständen entsprechend – besser gehe. Trotzdem: «Eine solcher Angriff ist unentschuldbar.»
Angriff aus Vergeltung oder Eifersucht
Laut dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze handeln Männer, die Frauen mit Säure das Gesicht zerstören wollen, oft aus einem «wahnhaften Besitzanspruch» heraus. Dieser äussere sich in Eifersucht sowie aus vermeintlich erlebter «Schmach» bei erlittener Zurückweisung oder wegen Ehestreitigkeiten. «Der Säureangriff soll das Gesicht des Gegenübers auf Dauer zerstören, so dass niemand anders von dem Opfer ‹Besitz erlangen› kann», sagt Schulze.
Dabei spielten frauenfeindliche Motive eine wichtige Rolle, sagt Schulze. Das zeigten Untersuchungen aus Südasien. «Bei rund jeder dritten Säureattacke dürfte die Ablehnung von Sex oder das Ausschlagen von Heiratsanträgen durch das Opfer entscheidend gewesen sein.» Anders sehe die Situation allerdings in Europa aus, wo Frauen statistisch gesehen gleich oft Täterinnen seien wie Männer.
Andere Formen frauenfeindlicher Gewalt in der Schweiz
Säureattacken habe es bislang in fast allen europäischen Ländern gegeben. Der Angriff in Neuenburg sei in der Schweiz aber bislang ein Einzelfall, so Schulze. «Wie britische Untersuchungen gezeigt haben, gibt es aber solche Verbrechen in allen gesellschaftlichen Milieus.» Jedoch unterscheide sich die Situation in der Schweiz deutlich von der in Metropolen wie London. «Frauenfeindliche Haltungen zeigen sich hier in anderen Formen von Kriminalität wie Stalking, Mobbing, sexueller Belästigung, Sexting oder Vergewaltigung.»
Verlässlichen Studien aus Indien und Grossbritannien zufolge gebe es jedoch keine religiösen oder kulturellen Ursachen für Säureattacken. So habe die grosse Mehrheit der Täterschaft in Grossbritannien keinen muslimischen Hintergrund gehabt. «Die Tatsache, dass der Angreifer von Neuenburg ein Flüchtling aus Afghanistan ist, sollte daher nicht gewichtet werden», sagt Schulze. Zu befürchten sei trotzdem, dass in den sozialen Medien dieser Säureangriff mit Muslimen in Verbindung gebracht werde. «Es wäre aber in jeder Hinsicht unmoralisch, das Verbrechen in Neuenburg für politische Zwecke auszunutzen, die nicht mit dem Verbrechen zu tun haben.»
*Name der Redaktion bekannt
Hohe Dunkelziffer
In der Schweiz kommt es glücklicherweise relativ selten zu Angriffen mit ätzenden Säuren. In anderen Staaten – etwa in Bangladesch, Indien oder Kolumbien – sind sie traurige Realität. Im Vereinigten Königreich stiegen Säureattacken in den letzten 10 Jahren um 90 Prozent (501 Angriffe im Jahr 2018). Laut dem gemeinnützigen Verein ASTI kommt es jährlich zu 1500 Säureattacken weltweit, in 80 Prozent der Fälle auf Frauen. Die Dunkelziffer ist aber hoch: Rund 60 Prozent der Fälle werden aus Angst vor Repressionen seitens der Täterschaft aber gar nicht gemeldet oder zur Anzeige gebracht.
Auch Amnesty International habe wiederholt Säureattentate in verschiedenen Ländern dokumentiert, sagt Beat Gerber von Amnesty International Schweiz. «Es handelt sich um eine der feigsten und grausamsten Formen von Gewalt, die zumeist Frauen trifft.»
Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Polizei nach Kanton
Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz
Fachstelle Frauenberatung
Onlineberatung für Frauen (BIF)
Onlineberatung für Männer
Onlineberatung für Jugendliche
Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein
Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer
LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133
Dargebotene Hand, Tel. 143
Pro Juventute, Tel. 147